Stigmatisierung: Bedeutung & Definition – Aufklärung nötig?

von | Nov.2021 | Psychotherapie

Stigmatisierung Bedeutung Definition - Mädchen, das stigmatisiert wird wegen Krankheit

Schätzungen von Experten zufolge hat einer von vier Menschen eine klinisch relevante geistige oder emotionale Störung, aber bis zu 75 % der Europäer und Amerikaner suchen nicht die Hilfe, die sie brauchen.

Schließlich hält die Angst vor Behandlung, Scham und Verlegenheit viele Menschen davon ab, angemessene und professionelle Hilfe zu suchen, die sie brauchen und ihnen enorm weiterhelfen könnte. Dem Ganzen liegt die Schwere psychischer Stigmatisierungen zugrunde. Doch was genau verbirgt sich dahinter?

Im folgenden Artikel wird die Bedeutung und Definition des Begriffs Stigmatisierung beleuchtet. Lernen Sie die Anzeichen und Folgen von Stigmatisierungen kennen und wie Sie sich dagegen wehren können.

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Stigmatisierung: Bedeutung und Definition

Unter Stigma versteht man eine negative Einstellung oder Diskriminierung gegenüber jemandem aufgrund eines Unterscheidungsmerkmals wie einer psychischen Erkrankung, eines Gesundheitszustands oder einer Behinderung. Dementsprechend beschreibt Stigmatisierung den zugrundeliegenden Prozess, der hierbei stattfindet. Geschlecht, Sexualität, Rasse, Religion und Kultur sind typische Merkmale und Eigenschaften, mit denen soziale Stigmata zusammenhängen. 

Leider ist die Stigmatisierung der psychischen Gesundheit immer noch weit verbreitet. Während Stigmatisierung zwar nicht auf psychische Erkrankungen beschränkt ist, ist in unserer Gesellschaft die Einstellung zu psychiatrischen Erkrankungen tendenziell negativer als zu medizinischen bzw. körperlichen Krankheiten.

Die Forschung hat gezeigt, dass Stigmatisierung einer der Hauptrisikofaktoren ist, die zu schlechten Prognosen & Ergebnissen der psychischen Gesundheit beitragen. Stigmatisierung führt zu Verzögerungen in der Behandlung und zugleich verringert es auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person mit einer psychischen Erkrankung eine angemessene und adäquate Versorgung erhält (1).

Stigmatisierung psychischer Erkrankungen: Geschichte

Psychische Erkrankungen werden in Gesellschaften rund um die Welt seit Langem stigmatisiert. Von der Vorstellung als Zeichen des Teufels bis hin zur moralischen Bestrafung – die Ideologien rund um die Entstehung psychischer Erkrankungen reichten sehr weit.

Infolgedessen war die Behandlung historisch nicht immer wissenschaftlich sinnvoll und zugleich unmenschlich: So führte man brutale Praktiken wie Trepanation durch, das bis in die Jungsteinzeit zurückreicht. Bei einer Trepanation wurde unter anderem ein Loch in den Schädel einer Person geschlagen, um die bösen Geister zu befreien (2). 

Glücklicherweise hat sich seitdem die Behandlung psychischer Erkrankungen weiterentwickelt. Nichtsdestotrotz sind die Bereiche Psychologie und Psychiatrie relativ jung und haben noch einen langen Weg vor sich.

Stigma ist aus Angst und Unverständnis entstanden. Sie ist auch mit fortschreitendem Wissen über die biochemische und genetische Natur verschiedener Erkrankungen erhalten geblieben. Zusätzlich kann die Darstellung psychischer Erkrankungen in den Massenmedien das Stigma verstärken.

Da jedoch Wissenschaftler weiterhin mehr über die Ursachen psychischer Erkrankungen erfahren und wirksame Behandlungsmethoden entwickeln, besteht immer noch die Hoffnung, dass die Stigmatisierung schrittweise zurückgeht (3).

Stigmatisierung: Anzeichen und Merkmale

Hier sind Beispiele von Merkmalen, wie Stigmatisierung aufrecht gehalten wird:

  • Mediendarstellungen wie Filme, in denen der Bösewicht oft ein Charakter mit einer psychischen Erkrankung darstellt
  • Schädigende Stereotypen von Personen mit psychischen Erkrankungen
  • Die Einstellung, dass man psychische Gesundheitsprobleme einfach überwinden könne, wenn man sich „mehr anstrengen würde“ oder „sich zusammenreißen würde“
  • Die gebräuchliche Verwendung von Aussagen wie „sie/ er ist verrückt“, um andere Individuen oder ihr Verhalten zu beschreiben
  • Halloween-Kostüme, die Menschen mit psychischen Erkrankungen als gewalttätig und gefährlich darstellen

Jeder, der privat oder beruflich Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen gemacht hat, kann Ihnen sagen, dass trotz der Fortschritte in der Psychiatrie und Psychologie noch viel Stigma vorhanden bleibt. Während die Menschen im Allgemeinen besser über psychische Störungen informiert sind, ist Stigmatisierung weiterhin Realität.

Stigmatisierung und Stigma: Arten

Die mit psychischen Erkrankungen verbundene Stigmatisierung kann in zwei Arten unterteilt werden:

  • Soziale Stigmatisierung, die die voreingenommene Einstellung anderer in Bezug auf psychische Erkrankungen beinhaltet
  • Selbst wahrgenommene Stigmatisierung, die ein internalisiertes Stigma beinhaltet, an dem die Person mit der psychischen Erkrankung leidet

Studien über die öffentliche Stigmatisierung psychischer Erkrankungen aus dem Jahr 2013 zeigten, dass die Stigmatisierung immer noch weit verbreitet ist, auch wenn sich die Öffentlichkeit den verschiedenen psychischen Erkrankungen stärker bewusst geworden ist (4). Während die Öffentlichkeit die medizinische oder genetische Natur psychiatrischer Erkrankungen und die Notwendigkeit einer Behandlung akzeptieren mag, haben viele Menschen immer noch eine negative Einstellung zu Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Zugleich führt die wahrgenommene Stigmatisierung zu einer internalisierten Scham über eine psychische Erkrankung. In einer Langzeitstudie wurde festgestellt, dass eine solche internalisierte Stigmatisierung zu schlechteren Behandlungsergebnissen führt (5).

Stigmatisierung: Folgen und Auswirkungen

Die Folgen von Stigmatisierung können schwerwiegend sein. Mit Stigma geht ein Mangel an Verständnis von anderen einher, was entmutigend und schmerzhaft sein kann. Zugleich werden Stigma von verheerenden Folgen wie Schürung von Angst, Wut und Intoleranz gegenüber anderen Menschen begleitet. Menschen, die einem Stigma ausgesetzt sind, erleben häufiger:

  • Zurückhaltung bei der Suche nach einer Behandlung
  • Verspätete Behandlung, die Morbidität (Krankheitshäufigkeit) und Mortalität (Sterberate) erhöht (1)
  • Soziale Ablehnung, Vermeidung und Isolation
  • Schlechteres psychisches Wohlbefinden
  • Schlechtes Verständnis unter Freunden und Familie
  • Belästigung, Gewalt oder Mobbing
  • Schlechte Lebensqualität, Behinderung und erhöhte sozioökonomische Belastung
  • Erhöhte Schamgefühle und Selbstzweifel

Das Stigma der psychischen Gesundheit kann die Wahrscheinlichkeit verringern, dass Menschen sich behandeln lassen. Einige Erkrankungen können sich im Laufe der Zeit ohne Behandlung verschlechtern, sodass das Versäumnis, eine Behandlung in Anspruch zu nehmen, letztendlich die Prognose verschlechtert.

Stigmatisierung kann auch dazu führen, dass Menschen an sich selbst und ihren Fähigkeiten zweifeln. Es kann auch zu Schamgefühlen und sogar zu Isolation führen. Des Weiteren kann es für die betroffenen Menschen schwieriger sein, Arbeit und angemessenen Wohnraum zu finden

Stigmatisierung psychische Krankheit & Störung
Stigmatisierung: Bedeutung und Definition – Beispiele bei psychische Störung & mentale Gesundheit

Gegen Stigmatisierung: Tipps zur Bekämpfung

Es gibt einige Dinge, die Sie tun können, um sowohl die soziale Stigmatisierung als auch die selbst wahrgenommene Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen zu bekämpfen. Hier sind wichtige Tipps zur Entstigmatisierung:

  • Denken Sie daran, dass viele Menschen psychisch krank sind. Bedenken Sie: Wenn Sie an einer psychischen Erkrankung leiden, sind Sie nicht allein. Mindestens jeder vierte Deutsche (28 %) ist jährlich von einer psychischen Erkrankung betroffen (6). 
  • Suchen Sie Unterstützung. Was auch immer Sie tun, bleiben Sie mit anderen in Verbindung und fragen Sie nach Unterstützung. Organisationen wie das Jugendamt, der Sozialpsychiatrische Dienst Ihres Bezirks und Ihre Krankenkasse bieten unterstützende (und pädagogische) Ressourcen für Menschen, Familien und Gruppen, die von psychischen Erkrankungen betroffen sind. Lassen Sie sich behandeln, damit Sie weniger Symptome und eine bessere Lebensqualität haben.
  • Sprechen Sie sich aus. Informieren Sie Ihre Mitmenschen über die Realität von psychischen Erkrankungen, einschließlich ihrer Intensität und sprechen Sie sich aktiv gegen Stigmatisierung aus. Decken Sie Mythen über psychische Erkrankungen auf wie den Irrglauben, dass Menschen mit Schizophrenie normalerweise gewalttätig seien. Wenn ein Familienmitglied oder Freund eine abfällige Bemerkung über jemanden mit einer psychischen Erkrankung macht, informieren Sie ihn und versuchen Sie, inakzeptables Verhalten nicht zu tolerieren. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und zeigen Sie, wie man den Kampf gegen die Stigmatisierung angeht.

Obwohl Stigmatisierungen weiterhin existieren, kann es nach und nach durch mehr Aufklärung und Bewusstsein für psychische Erkrankungen verringert werden.


Quellenverzeichnis

  1. Shrivastava, A., Johnston, M., & Bureau, Y. (2012). Stigma of mental illness-1: Clinical reflectionsMens sana monographs10(1), 70.
  2. Kushner, D. S., Verano, J. W., & Titelbaum, A. R. (2018). Trepanation procedures/outcomes: comparison of prehistoric peru with other ancient, medieval, and american civil war cranial surgery. World neurosurgery114, 245-251.
  3. Manderscheid, R. W., Ryff, C. D., Freeman, E. J., McKnight-Eily, L. R., Dhingra, S., & Strine, T. W. (2010). Peer reviewed: evolving definitions of mental illness and wellnessPreventing chronic disease7(1).
  4. Parcesepe, A. M., & Cabassa, L. J. (2013). Public stigma of mental illness in the United States: A systematic literature reviewAdministration and Policy in Mental Health and Mental Health Services Research40(5), 384-399.
  5. Oexle, N., Müller, M., Kawohl, W., Xu, Z., Viering, S., Wyss, C., … & Rüsch, N. (2018). Self-stigma as a barrier to recovery: a longitudinal studyEuropean Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience268(2), 209-212.
  6. DGPPN. Basisdaten Psychische Erkrankungen. Verfügbar auf: online: dgppn [abgerufen am 09.11.2021].

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